Historisches

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Namensdeutung - Eine schwierige Sache

Die Deutung von Orts- oder Familiennamen ist oftmals eine schwierige Sache. Nur selten gibt es eine zweifelsfreie Erklärung. Mehrere durchaus zu begründende Möglichkeiten sind die Regel. Das gilt selbst dann, wenn auf den ersten Blick alles klar ist. Wagen wir trotzdem den Versuch, die Namen Stenum, Rethorn und Schierbrok und die der alten Einzelhöfe zu erklären.

Stenum wird in den mittelalterlichen Quellen als Steneme bzw. Stenem bezeichnet. Alle Deutungsversuche kommen - und das gibt es nur sehr selten - zum gleichen Ergebnis. Der Ganderkeseer Pastor Greverus sagt in seiner Kirchenchronik von 1821: "Stenum, genannt von den dort liegenden Steinen". Und so sehen es auch die Sprach-Wissenschaftler. Sten bedeutet Stein, -em oder -um ist aus -heim im täglichen Sprachgebrauch abgeschliffen. Steinheim, die Heimstatt bzw. das Dorf bei den Steinen, das also ist Stenum (s. Hügelgrab in unserer Galerie).

Im übrigen gibt es den Namen Stenum nur noch ein weiteres Mal, im Norden Jütlands. Es ist jener Ort, mit dem seit Jahren eine partnerschaftliche Beziehung besteht, über die an anderer Stelle noch zu berichten sein wird.

Rethorn wird in alter Zeit als Rethorne oder Rethoren erwähnt. Die Sprachwissenschaft geht durchweg davon aus, dass Ret soviel wie Ried, Reit, Röhricht, Schilfrohr bedeutet. Ein Horn ist eine Spitze, ein Vorsprung, eine Ecke, die häufig zu einem Wald gehört. Der bekannte oldenburgische Namensforscher Ramsauer zählt die Bezeichnung Horn zu den Waldnamen. Rethorn wäre demnach ein baumbestandener Vorsprung in einem mit Röhricht bewachsenen Gebiet.

Nun gibt es in der Nähe von Rastede das Gut Rehorn, das in alten Urkunden als Redehorn bezeichnet wird und deshalb in Abhandlungen mehrfach mit unserem Rethorn verwechselt wurde. Die älteste Bezeichnung des Gutes von 1129 aber lautet Radehorn. Deshalb deutete der Namensforscher Schmeyers Rade als Rodung, so wie auch Rastede als Rodestätte erklärt wird. Sollte unser Rethorn die gleiche sprachliche Entwicklung mitgemacht haben, so könnte es eine Siedlung auf gerodetem Waldboden sein. Nach der Lage des Ortes dürfte eine solche Deutung durchaus nicht abwegig sein.

Schierbrok ist ein junger Ort. Die Bezeichnung ergab sich aus einem Flurnamen, der ein kleines Gebiet in der Gegend des heutigen Brookweges bezeichnete. Sie wurde später auf alle Häuser übertragen, die an der Ostseite des Stenumer Holzes entstanden. Von einem der ersten Ansiedler wird 1693 gesagt, dass er "auf'm Schierenbrock" wohne. Wer Plattdeutsch versteht, könnte daraus schließen, dass dort "schier Brook" gewesen sei, was mit "nur Sumpf" zu übersetzen ist. Aber so einfach machen es sich die Sprachforscher nicht.

Mit Schier beginnende Orts- und Flurnamen gibt es in Norddeutschland viele. Auch im Stenumer Bereich sind sie mit den Flurnamen "Auf den Schieren" und "Scherberg" vertreten. In den sprachkundlichen Werken findet man die folgenden Erklärungen für Schier: Lauter, rein, glänzend, klar, glatt, schneiden, spalten, trennen, unterscheiden, schmutzig-sumpfig-mooriges Wasser, Kot, Grenze, Scheide, Schere, scharf, schnell. Die Reihe ließe sich noch fortsetzen, und wer die Wahl hat hat die Qual. Entsprechend schwer tun sich die Deuter des Namens Schierbrok. Schon vor Zeiten hat Wichmann auf die Namen Schierholt und Schierloh hingewiesen und diese als im Wald abgeteilte Hudewälder (in denen das Vieh gehütet werden durfte) bezeichnet. Er schloss daraus, dass Schierbrok ein aus der Allmende ausgeschiedener Bruchwald gewesen sei, in den das Vieh zur Mast und Weide getrieben wurde.

Schröer kommt zur gleichen Deutung und stellt fest, dass Schierbrok ein Bruch mit Horstwaldungen gewesen sei, der durch Wallhecken als Schweinemastgebiet abgeteilt wurde.

Bultmann meint, dass Schierbrok ein Sumpf gewesen sei, der die Grenze zwischen zwei Allmenden bildete. Er denkt dabei an eine Scheide zwischen den Dörfern Stenum und Rethorn.

Zu einer völlig anderen Deutung kommt Ramsauer. Er denkt an einen SchürBrook und meint, dass in Schierbrok einst die Scheunen und Nachtställe für das Vieh der Stenumer gestanden haben. Viele Dörfer hatten früher abseits gelegene Scheunen, sogenannte Scheunendörfer. Durch sie sollte verhütet werden, dass bei einer Feuersbrunst Dorf und Ernte gleichzeitig vernichtet wurden. Das war bei geschlossenen Dörfern auch in unserer Gegend durchaus üblich. Überliefert ist es für Ganderkesee und Harpstedt.

Der bekannte deutsche Namensforscher Bahlow schreibt, dass mit "schier" schmutzig-sumpfig-mooriges Wasser in einer kotigen Gegend bezeichnet werde und führt Schierbrok als typisches Beispiel dafür an.

Wollen wir es bei diesen Deutungen belassen. Die Schierbroker müssen sich ja nicht für die letzte Erklärung entscheiden.

Wenden wir uns nun noch den alten, besondere Namen führenden Einzelhöfen zu.

Steenhafe, vermutlich ein alter Adelshof, wird im Mittelalter als "ton Stene" bzw. "ton Steyne" genannt. Später finden wir die Bezeichnungen Steenhave oder verhochdeutscht Steinhof. Hier besteht Übereinstimmung, dass der Name, wie bei Stenum, von den Steinen der "Hünengräber" herzuleiten ist. Schmeyers möchte -have allerdings nicht von Hof sondern von Hünenstein, Henkelstein, Steinhege hergeleitet wissen.

Wiedau, eine sicherlich schon sehr alte Köterei, ist in mittelalterlichen Urkunden nicht verzeichnet. Der Familienname Wiedau, der urkundlich auf dem Hof nicht festzustellen ist, kommt aber schon sehr früh in einigen Dörfern der Umgebung vor.

Bultmann deutet den Namen als feuchtes, mit Weidenbusch besetztes Gebiet. Auch in den Herkunfts-Wörterbüchern wird Wide in aller Regel als Weide, Weidenbaum erklärt. Aue als Bach- oder Wasserbezeichnung ist nicht umstritten. Der Hof Wiedau liegt aber immerhin etwa 30 m über NN und auch eine Wiedaue ist nirgends zu finden. Vielleicht ist damit die in der Nähe des Hofes entspringende Hahlbäke gemeint gewesen.

Schröer kommt allerdings zu einer ganz anderen Deutung. Für ihn bezeichnet Wide einen Grenzbaum oder Grenzwald.

Trendelbusch, ein Brinksitzerei, taucht erst kurz vor 1800 in den Registern auf. Der Name geht vermutlich auf den Flurnamen "beim Trendelbusch" zurück. Nach Bultmann ist ein Trendelbusch ein kreisrunder Busch. So meint es auch Böning in seinem "Plattdeutschen Wörterbuch". Anderer Ansicht ist Bahlow, der "Trent" als eine Moorbezeichnung ansieht. Schröer erkennt in "Trendel" hingegen eine Grenzbezeichnung.

Sahren, eine halbe Bau, erscheint bereits als "en gut, gheheten de Sar" im Salbuch von 1428/1450. Der Name wird von Sahar, was Ried- oder Sumpfgras bedeutet, herzuleiten sein. Auch Bultmann sieht die Erklärung Riedgras, Binsen, Rusch und verweist auf das feuchte Grünland des Hofes. Nasses Land wird als "sohrig" bezeichnet.

Nutzborn, ist ein alter, aus einer erzbischöflichen Burg hervorgegangener Adelshof. Die älteste Bezeichnung ist Uteshorne. Spätere Formen sind Oetszehorn, Utzehorne und Nutteshorne. Die in älteren Abhandlungen stets zu findende Erklärung, dass Nutzhorn als Nußhorn - mit Nußbüschen bewachsener Vorsprung am Geestrand - zu deuten sei, dürfte bei der vorstehend geschilderten Namensentwicklung recht fraglich sein. Das gilt auch für die von Schmeyers gegebene Deutung Nuth = Sondernutzung der Mark.

Dr. Gustav Nutzhorn kommt in seiner Familiengeschichte zu der folgenden Erklärung: Die Holländer, die Anfang des 12. Jahrhunderts Stedingen besiedelten, kamen u. a. aus dem Dorf Oudshoorn (anderen Formen Outshoeren, Utshoorn) in der Provinz Südholland. Die Besiedelung erfolgte vom Geestrand aus. Ihr mit der Durchführung der Kolonisation vom Erzbischof beauftragter Lokator Johannes ließ sich am Rande der Geest nieder und nannte seinen Hof nach seinem Heimatort Uteshorne.

Das klingt alles recht logisch, aber es darf nicht vergessen werden, dass es lediglich eine Hypothese ist.

Kamern, auch Camern geschrieben, ist eine uralte halbe Bau. Die Deutung des Namens ist nach den Herkunfts-Wörterbüchern klar. Kamer ist eine Kammer. So wurde in früherer Zeit ein Gerichts- oder Gefängnisraum, aber auch ein sicherer Aufbewahrungsort für Wertsachen, bezeichnet. Es war meistens ein Steinanbau an einem Wohnhaus. Wie aber soll eine solche Erklärung zu einem einsam gelegenen Bauernhof passen?

Der Verfasser glaubte eine Lösung gefunden zu haben, als er bei seinen Ermittlungen feststellte, dass vor 1688 über Generationen eine Familie Camermann den Hof bewirtschaftet hatte. Er nahm an, dass der Familienname auf den Hof übertragen worden sei. Die weiteren Forschungen bestätigten die Annahme aber nicht. Im Delmenhorster Steuerregister von 1499 wird nämlich ein "Ludeke Arens in der Kamern" aufgeführt. Die Familie Camermann wird demnach ihren Namen vom Hofnamen übernommen haben. Was Kamern bedeutet, muss also offen bleiben. Vielleicht liegt eine Erklärung darin, dass hier tatsächlich schon sehr früh ein Haus aus Ziegelsteinen erbaut wurde, was sonst in den Dörfern durchaus unüblich war. Die Tonvorkommen in Kamern könnten die Ursache dafür gewesen sein. Darüber wird noch berichtet.

Ahrensberg, eine Köterei in der Nähe von Kamern, ist in alten Registern unter diesem Namen nicht aufgeführt. Bei der Deutung kommt man spontan auf den Besitz eines Mannes mit Namen Ahrens.

Schröer aber vermutet hier einen einst in Richtung Stedingen fließenden Bach Ahren, der dem Hof seinen Namen gab. Nachdem nun aber feststeht, dass der Nachbarhof Kamern einst von einem Arens bewirtschaftet wurde und eine alte Karte unmittelbar nordwestlich von Nutzhorn den Flurnamen "Ahrens Nien" verzeichnet, dürfte die Ableitung des Hofnamens Ahrensberg vom Familiennamen Ahrens doch recht wahrscheinlich geworden sein.

Eingangs ist gesagt worden, dass die Namensdeutung ein schwieriges Kapitel sei. Die vorstehenden Ausführungen haben das sicherlich bestätigt. Weitere Orts- und Flurbezeichnungen des Stenumer Raumes werden in einem besonderen Kapitel noch zu deuten sein.

Quelle: Kurt Müsegades, Stenum-Rethorn-Schierbrok - Dörfer um den Stenumer Wald