Historisches

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Die Eiszeit formte die Landschaft

Es stellt sich die Frage, wie das vorstehend geschilderte unterschiedliche Landschaftsbild, wie Geest und Vorgeest, Täler und Kleinmoore entstanden sind. Um diese Frage zu beantworten, wird ein Blick in ferne erdgeschichtliche Zeiten erforderlich. Dargestellt werden können im Rahmen einer Ortsgeschichte aber nur die wesentlichen bodenformenden und landschaftsgestaltenden Kräfte. Die vielfältigen Nebeneinflüsse müssen außer Betracht bleiben.

Gestaltet wurde unsere heimatliche Landschaft in erster Linie von den verschiedenen Eiszeiten und den dazwischen liegenden Wärmeperioden, dem sogenannten Diluvium. Insgesamt waren es drei Eiszeiten, die das Gesicht unseres Raumes prägten. Etwa 600000 Jahre liegt der Beginn der ersten Eiszeit zurück. Vor etwa 20000 Jahren endete die letzte. Etwa 80000 Jahre sind vergangenen, seit die letzten Gletscher in Nordwestdeutschland geschmolzen sind. Den entscheidenden Anteil an der Bodenbildung und -formung hatten hier die erste (Elster-) Eiszeit und die mittlere (Saale-) Eiszeit.

Während der sogenannten Saale-Vereisung lag unsere Gegend unter einer Eisschicht, die eine Mächtigkeit von bis zu 1000 Metern hatte. Die sich langsam von Skandinavien heranschiebenden Gletscher führten riesige Mengen Gesteine und Sande mit sich, die vom Eisdruck mehr und mehr zerrieben wurden. Was übrig blieb sind jene Sande, Tonerden, Kiese, Steine und Findlinge, die den Boden unserer Heimat bilden.

Abgelagert wurden diese Materialien bei uns infolge zunehmender Erwärmung. Es bildeten sich Gletscherspalten, durch die das Schmelzwasser den Untergrund des Eises erreichte, sich dort Rinnsale schuf, die sich im Laufe der Zeit zu Tälern auswuschen und in denen die mitgeführten Steine und Sande abgesetzt wurden. Es entstanden die sogenannten Grundmoränen. Es flossen aber auch Schmelzwasserströme über den Gletscherrand ab. Sie schufen tiefe Ausspülungen und lagerten die mitgeführten Materialien vor dem Gletscherrand ab. Diese Ablagerungen nennt man Endmoränen.

Die Schmelzwasser wuschen auf ihrem Wege zu den niedrigsten Stellen gewaltige Urstromtäler aus. Wo sich das Wasser sammelte, entstanden riesige Stauseen.

Das sogenannte Bremer Becken war ein solcher Stausee. Es umfasste die heutigen Flussniederungen von Weser, Aller, Ochtum und Lesum. Hatten sich in einem solchen Stausee die Wassermassen beruhigt, dann setzten sich die mitgeführten Materialien ab. Zunächst die Steine und Findlinge, dann die Kiese und Sande. Schließlich überzog der im Wasser enthaltene feine Staub, die „Gletschertrübe" das ganze mit einer dünnen Schicht. Drang das Eis dann erneut vor, dann rollten die Gletscher zunächst die Deckschicht, die wir heute als Ton oder Lehm kennen, auf und schob sie übereinander und an den Rändern der Urstromtäler empor. Diese Stauchungen sind unsere heutigen Tonlager.

Wie mächtig die Tonlager teilweise sind, zeige eine vor Jahrzehnten auf dem Hohenkamp in Rethorn vorgenommene Bohrung. Als bei 70 m die Bohrung abgebrochen werden musste, weil sich ein großer Stein als Hindernis in den Weg stellte, befand man sich immer noch im Ton.

Der Geestboden unserer Heimat ist also ein riesiges Lager zerriebener Sande und Steine aus dem skandinavischen Raum. Der Name Geest kommt von güst, was unfruchtbar bedeutet. Und das war dieser Boden auch bis zur Anwendung des Kunstdüngers. Das Wasser hatte die an sich schon wenig fruchtbaren Sande in ihren oberen Schichten entmischt, d. h. die Kalk- und Lehmbestandteile ausgewaschen. Die Folge war eine karge Vegetation.

Eine andere Entstehungsgeschichte hat die Vorgeest. Sie liegt bereits innerhalb des Urstromtals der Weser und ist eine sogenannte Talsandfläche. Die von der Geest kommenden Bäche haben bereits zwischen den einzelnen Eiszeiten große Mengen Sand als Schuttkegel im Urstromtal abgelagert. Dabei schwemmten sie Immer wieder ihre eigenen Läufe zu, so das die Sandplatte der Vorgeest vielfältig geteilt ist. In den verlagerten Bachläufen bildeten sich dann kleine Sümpfe, die im Laufe der Zeit durch Verlandung Kleinmoore wurden. Außerdem kam es an manchen Stellen durch Windeinwirkung zur Dünenbildung.

Solche Dünenbildung durch Wehsande gab es aber auch auf der hohen Geest. Bultmann berichtet, dass 1925 in Grüppenbühren beim Heidberg ein Brunnen gegraben wurde. Dabei sei man in 18 m Tiefe unter dem Sand auf Waldboden gestoßen. Wehsande hatten dort ein Tal eingeebnet.

Eine Karte von 1760 verzeichnet auf der hohen Heide in der Grüppenbührener Gemeinheit riesige Flugsandgebiete, die auch als solche bezeichnet werden. Eingezeichnet sind an den Rändern Sandfangwälle, die den Sand von den Ackerflächen und Weidegebieten fernhalten sollten. In Richtung Rethorner Esch ist ein Wall eingetragen, bei dem geschrieben steht: „Stück eines alten Walles gegen das Flugsand".

Teilweise wurden tiefe Mulden ausgeweht, die sich bei Ortstein- oder Tonuntergrund später mit Wasser füllten. Eine Karte von 1819 verzeichnet zwei solche Schlatts südlich der Wolfskuhle.

Im Stenumer Raum haben sich solche Schlatts durch Verlandung in Kleinmoore verwandelt. Darauf weisen noch heute Flurnamen hin, z. B. die Bezeichnung „Kehnmoor“ und „Lütje Moor" westlich bzw. östlich vom Trendelbuscher Weg und die 1760 erwähnte „Grünte im lütjen Moor" zwischen Sahren und Hahlbeek.

Das Kehnmoor ist auf der Vogteikarte von etwa 1790 als verhältnismäßig großes rundes Schlatt mit offener Wasserfläche verzeichnet. Bei der Gemeinheitsteilung im Jahre 1845 machte die Wasserfläche immerhin 1 Jück und 148 Ar aus.

In den 20er Jahren war der Rest noch als Viehtränke vorhanden. Ältere Einwohner erinnerten sich auch noch, dass bis zur Jahrhundertwende rund um das Kehnmoor-Schlatt Torf gestochen wurde. Es lag inmitten einer weiten Heidelandschaft.

Der Name „Lütje Moor" bedarf keiner Erklärung. Ein Kehnmoor ist ein mit Kienholz durchsetztes Moor. Eine Karte von 1760 verzeichnet den Namen sogar mit „im Kienmoor". Kienholz ist Nadelholz, insbesondere solches von Kiefern, das Jahrtausende im Moor gelegen hat. Dass solches im Kehnmoor in größeren Mengen gefunden wurde, ist überliefert.

Die hier später ausgestorbene Kiefer war in Norddeutschland bis etwa 600 v. Chr. stark verbreitet. Die im Moor erhaltenen Reste sind sehr hart und harzreich. Unsere Vorfahren hatten mancherlei Verwendung dafür. Es wurden Wurst, Schinken und Speck damit geräuchert, es wurde Teer daraus gewonnen und es wurden Kienspäne davon gefertigt.

Der Moorkolonisator Findorff schildert die Herstellung von Kienspänen wie folgt:

„Es wird die äußere Rinde des Stammes, sobald er ausgegraben und noch feucht ist, in lauter schmale Striemen, etwa einen Finger breit und nach Dicke der Ringe des Baumes, abgeschält. Diese harzigen Striemen werden, wenn sie trocken, an einem Ende angezündet sind, auf einem dazu gemachten vier Fuß hohen Gestell - in schräger Stellung gelegt. Sie brennen eine ziemliche Weile und dienen dem Hausgesinde statt einer Lampe".

Erwähnt sei noch, dass die Kleinmoore durch die Jahrhunderte eine erhebliche Bedeutung für die Brennstoffversorgung der Bevölkerung hatten.


Quelle: Kurt Müsegades, Stenum-Rethorn-Schierbrok - Dörfer um den Stenumer Wald